Prof. Dr. Verena Kast  

Das Assoziationsexperiment in der therapeutischen Praxis

Autorin                           << Zurück       Inhalt       Weiter >>      www.opus-magnum.de

1. DAS  ASSOZIATIONSEXPERIMENT

1.1  Der Weg des Assoziationsexperimentes

{10} Es sind heute verschiedene Wortassoziationstests (WAT's) im Gebrauch. (Anm. 1) Bei allen geht es darum, zu einem Reizwort (Stimulus) eine oder mehrere Assoziationen zu finden. Der Jung'sche Assoziationstest besteht aus hundert Wörtern. Man wendet diese WAT's in der Persönlichkeitsforschung an, stellt kulturelle Vergleiche damit an, und mit ihnen wird im Bereich der Sprachforschung (Anm. 2) und der Gedächtnisforschung gearbeitet. Durch den frühen Einfluss von C. G. Jung auf den Assoziationstest wurde dieser zu einer projektiven Methode mit dem Ziel, unbewusste Konstellationen im Menschen aufzuzeigen, wobei zwischen zwei Hauptbereichen unterschieden wird: Einerseits werden Gesetze des Assoziierens erforscht, andererseits werden die Bedingungen untersucht, unter denen das Assoziieren verändert oder gar unmöglich wird. C. G. Jung hat sich vor allem für den diagnostischen Aspekt interessiert und sich darum verdient gemacht. Der Assoziationstest ist in diesem Aspekt auch von ändern Forschern weiterverwendet, ergänzt und ausgearbeitet worden, etwa von D. Rapaport. (Anm. 3) Feifel (Anm. 4) verwendet einen Assoziationstest mit 20 Wörtern, um Untersuchungen über die Einstellung zum Tod durchführen zu können. Er verwendet dabei zehn Wörter, die direkt den Bereich des Todes ansprechen, und zehn möglichst neutrale Wörter.
{11} Der Assoziationstest beruht auf der Grundlage, dass der Mensch jederzeit im Stande ist, zu assoziieren, dass seine Vorstellungen miteinander verknüpft sind, eine Vorstellung also eine andere ins Gedächtnis ruft. Grundsätzlich kann man von jedem Wort aus eine Assoziationskette bilden. Dabei werden sich gewisse Assoziationsbahnen kaum je verändern, andere aber variabel sein.
{12} Je emotionaler gewisse Assoziationen erlebt worden sind, desto eher bleiben sie haften. Darauf beruht etwa die Erkenntnis der Lerntheorie, dass man Dinge besser lernt, wenn sie einen emotional ansprechen. Beim Assoziationstest von C. G. Jung ist aber keineswegs nur das Wort, das einem auf den Stimulus einfällt von Bedeutung. Wichtig werden vor allem jene Stimuli, auf die nicht reagiert werden kann, zu denen dem Probanden keine oder nur verzögert Assoziationen einfallen. Um dies verständlicher zu machen, möchte ich die Entwicklung des Assoziationstests bis zu C. G. Jung kurz skizzieren.
{13} Sir Francis Galton war der erste, der sich mit Wortassoziationen wissenschaftlich beschäftigte (etwa 1879). Er meinte enthusiastisch, die Assoziationen würden die gesamten Hintergründe unseres Denkens freilegen. Etwa zur gleichen Zeit befasste sich auch Wundt, der Vater der experimentellen Psychologie, mit Assoziationen. Ihn interessierten vor allem die Fragen, wie einzelne Wörter miteinander verbunden sind, wie lange der Assoziationsvorgang dauert usw. Ebbinghaus machte 1885 an sich selbst mit sinnlosen Silben Assoziationsversuche und fand dabei heraus, dass man sinnvolle Sachen besser lernt als sinnlose, dass man im Schlaf weniger vergisst als im Wachen usw.
{14} Sobald die Assoziationen eingehend studiert werden, stößt man zum einen auf den diagnostischen Bereich, also auf die Möglichkeit, Hintergründe des menschlichen Denkens herauszufinden, und damit verbunden auf den Anspruch, durch Assoziationen den Menschen besser kennen zu lernen, andererseits auf die Möglichkeit, Gedächtnis, Wortverknüpfungen usw. zu studieren. Dieser Bereich soll hier nicht weiter verfolgt werden, obwohl er heute mindestens soviel Interesse für sich beansprucht und mindestens so sehr studiert wird wie die diagnostische Anwendung des Assoziationstests.
{15} Kraepelin, ein Schüler von Wundt, forschte mit dem Assoziationstest in der Psychiatrie. Er wollte ihn klinischdiagnostisch verwenden. Er hat vor allem nachgewiesen, dass geläufige Assoziationen kürzere Reaktionszeiten brauchen als ungeläufige. Diese Tatsache müssen wir bei der praktischen Anwendung stets mit berücksichtigen. Es gibt nämlich auch in unserer Reizwörterliste ungebräuchliche oder ungebräuchlicher gewordene Wörter (z. B. Anstand, Sitte). Auch der Wiederholungsversuch stammt von Kraepelin. Wiederholungsversuch heißt: Nachdem alle 100 Wörter durchgegangen wurden, beginnt der Versuchsleiter nach einer kürzeren Pause von vorne es wird kontrolliert, welche Reaktionen man noch reproduzieren kann, welche nicht mehr.
{16} Wesentlich weiter geforscht haben dann Kraepelins Schüler; unter ihnen besonders Aschaffenburg, der vor allem Assoziationstests bei Manien durchgeführt hat. Dabei legte er das Hauptaugenmerk auf die Aufmerksamkeit. Aschaffenburg hat festgestellt, dass bei schlechter Aufmerksamkeit die Reaktionen "flach" werden, d. h. dass man nur noch sehr oberflächlich reagiert so etwa auf Kuh mit Muh.
{17} Unter Prof. Bleuler stellte dann C. G. Jung Assoziationsversuche an. Eigentlich wollte er feststellen, ob bei gleichen Krankheitsgruppen immer gleiche Gruppen von Assoziationen vorkommen. Seine Frage war also: Ergeben spezifische Krankheitsgruppen spezifische Wortassoziationen?
{18} Bald aber wandte sich Jung den so genannten Fehlern, den gestörten Reaktionen im Assoziationstest zu. Diese waren von der Kraepelin'schen Schule als uninteressant, eben als Fehler, abgetan worden. Es hat sich aber in der Geistesgeschichte immer gelohnt, sich mit den Fehlern anderer auseinanderzusetzen, weil dort meist der Schlüssel zu einem Neuanfang liegt, der unter Umständen sehr viel weiter führt.
{19} Ziehen (Anm. 5) hatte schon 1900 darauf hingewiesen, dass Reaktionen mit langer Reaktionszeit sich oft durch einen starken Gefühlston auszeichnen. Mayer und Orth (Anm. 6) wiesen im Anschluss daran nach, dass Assoziationen, bei denen sich zwischen Reiz und Reaktion ein gefühlsbetonter Bewusstseinsinhalt schob, längere Reaktionszeiten aufwiesen. Dabei verlängerten unlustbetonte Bewusstseinsinhalte bedeutend mehr als lustbetonte. Es lag also nahe, nach diesen gefühlsbetonten Bewusstseinsinhalten zu forschen. C. G. Jung stellte fest, dass "Fehler", die immer stark affektiv besetzt waren, für das Verständnis der Kranken besonders wichtigeinhalte zu Tage brachten. Diese Fehler sind: verlängerte Reaktionszeiten, Missverstehen, Wiederholen des Reizwortes, keine Reaktion, Versprechen, Stottern usw. Aus diesen Fehlern, die ohne jede äußere Störung der Aufmerksamkeit einfach passierten, schloss C. G. Jung, dass die Aufmerksamkeit sozusagen von innen her gestört sein müsse. Dies ist deshalb wichtig zu betonen, weil die Kraepelin'sche Schule jeden Fehler auf nur äußere Störung der Aufmerksamkeit zurückführte.
{20} Wenn die Aufmerksamkeit aber sozusagen von innen her gestört sein kann, so schloss C. G. Jung, gibt es im Unbewussten gefühlsbetonte VorstellungsKomplexe, die den Assoziationsablauf stören können. Wie diese Komplexe das tun, zeigt der Assoziationstest; darum ist er so interessant, weil er am Modell zeigt, wie das Unbewusste funktioniert. Nicht etwa nur zu besonderen Zeiten, sondern immer und überall.
{21} Unter den Fehlern ist die lange Reaktionszeit immer die auffälligste. Jung erklärte dies vorerst so: Assoziationen, die einen Komplex berühren, weisen deshalb eine lange Reaktionszeit auf, weil die angeregten, unlustbetonten Vorstellungen nicht ins Bewusstsein steigen dürfen. Den Komplex definierte Jung zu dieser Zeit als eine Gruppe von zusammengehörigen, mit Affekt besetzten Vorstellungen, die unbewusst sind. "Mit Affekt besetzt" heißt, energetisch hochwertig.
{22} Zunächst spricht C. G. Jung nur von unlustbetonten Vorstellungen. Auch lustbetonte Vorstellungen stören aber wenn auch, wie Hoffmann in einer sehr lesenswerten Dissertation von 1915 (Anm. 7) nachgewiesen hat nicht gar so stark. Es ist aber schwer vorstellbar, wie man denn lustbetonte Vorstellungen verdrängen soll. Deshalb ist es richtiger zu sagen, dass die Aufmerksamkeit einfach vom gefühlsbetonten Komplex an sich gezogen wird, sei der Gefühlston nun negativ oder positiv. Die geringere Reaktionsverzögerung bei positivem Gefühlston ist wohl darauf zurückzuführen, dass Lust im allgemeinen beschleunigend wirkt.
{23} 1904 wurden von C. G. Jung und Riklin die ersten Ergebnisse der Forschungen mit dem Assoziationsexperiment veröffentlicht. (Anm. 8) Aber nicht nur C. G. Jung befasste sich mit Fehlern: 1904 veröffentlichte S. Freud "Psychopathologie des Alltagslebens". In diesem berühmten Buch befasst er sich mit den menschlichen-allzu-menschlichen Fehlleistungen, wie Versprechen, Vergessen, Verlieren, Irrtümer usw. alltägliche Vorkommnisse, über die man oft hinweggeht oder über die man lacht ; aber man ist überzeugt, dass sie nichts zu bedeuten haben: Es hat nichts zu bedeuten, wenn man Geld statt Geduld sagt, man hatte es eben eilig. S. Freud ist mit viel Scharfsinn diesen kleinen Entgleisungen nachgegangen und hat erstaunliche Zusammenhänge aufgedeckt. Nach S. Freud findet sich hinter einem solchen Vergessen, Versprechen usw. immer eine verdrängte Vorstellung. Auch die so genannten Fehler im Assoziationstest kommen daher, dass unbewusste Strebungen die bewussten Absichten in ihrem Ablauf "stören". Diese unbewussten Strebungen nennt Jung "Komplex".

1.2  Was  sind Komplexe?

{24} Wir erleben Komplexe: Eine äußere Situation, eine Begegnung, ein Zusammenstoß mit jemandem, ein Bild oder ein Geruch, den wir mit einer Situation verbinden, ein Traum, eine Fantasie können in uns Erinnerungen wecken an eine sehr prägende Begebenheit in unserem Leben; eine Situation, die mit starken Emotionen verbunden war, oder an viele kleinere Verletzungen, die sich immer aufs gleiche Problem bezogen haben. Und dann spüren wir, dass eine Emotion aufsteigt, die der gegenwärtigen Situation nicht ganz angemessen ist: Der Komplex ist konstelliert. Wir erleben etwa Angst, Wut, Trauer, Freude, Sehnsucht, in jeder möglichen Intensität, verbunden mit den dazugehörigen Körperphänomenen, und wir erleben gleichzeitig, dass wir stereotyp handeln, denken, reagieren: Wir sehen unerklärlich starre Abwehrmechanismen oder Verhaltensmechanismen, die der Situation nicht angepasst sind. Wir reagieren, wie wir gar nicht reagieren wollten, die Reaktion kommt sozusagen "über" uns, unser Wille wird wesentlich eingeschränkt oder sogar ganz blockiert, und zwar in immer gleichen Zusammenhängen.
{25} Wenn an einer Stelle eines Straßennetzes immer wieder Unfälle passieren, wird man sich Gedanken darüber machen, ob diese Stelle den Anforderungen des Verkehrs gewachsen ist. Wenn immer wieder in gleichen oder ähnlichen Situationen vergleichbare Komplexreaktionen auftreten, wird man sich auch fragen müssen, ob nicht etwas verändert werden muss in Bezug auf die Grundthematik, die diesem Komplexgebilde zugrunde liegt.
{26} Ein Komplex besteht aus einem Kern mit assoziativen Verbindungen. Der Komplexem ist auf eine "Lebensnotwendigkeit" bezogen, anders ausgedrückt: auf eine anthropologische Konstante. Komplexe sind aber nicht nur schuld daran, dass wir uns manchmal uneffektiv mit der Welt auseinandersetzen, dass wir manchmal eine fixe Idee als die absolute Wahrheit verkünden, Komplexe sind auch emotionale Zentren, die die Information aus der Umwelt und aus dem Unbewussten steuern; sie sind es, die unsere Interessen bewirken und unsere Persönlichkeit im ganzen prägen. Wer primär einen positiven Mutterkomplex hat, wird von dieser Warte aus die Welt zunächst mit Vertrauen erleben, wer primär einen negativen Mutterkomplex hat, steht der Welt zunächst einmal eher misstrauisch gegenüber.

 

{27} Abbildung Mutterkomplex: Der rechte Pfeil  weist auf den Kern, die “Mutter”, der mittlere Pfeil auf alle Erlebnisse mit Mutter und Müttern, der dritte Pfeil bezeichnet alle Erfahrungen, die in einem engeren oder weiteren assoziativen Erfahrungszusammenhang mit dem Thema des Mütterlichen stehen. Was mit dem Komplex assoziiert wird und den gleichen Gefühlston hat, verstärkt den Komplex. Was assoziiert wird und einen anderen Gefühlston hat, schwächt den Komplex ab. Komplexe steuern also unser Erfassen von Wirklichkeit; da hinter jedem Komplex ein Archetyp steht, eine anthropologische Konstante, sind die verschiedenen Wirklichkeiten dann doch vergleichbar, wenn auch immer gefärbt durch die jeweilige Komplexstruktur. Das kann man leicht feststellen: Solange ein Komplex konstelliert ist, wird man zum Beispiel einen Menschen viel zu positiv beurteilen etwa im Zustand der Verliebtheit; werden andere Komplexe konstelliert, dann ist das Erfassen dieser gleichen Persönlichkeit wieder ein anderes, vielleicht realistischer, vielleicht sogar gegenteilig. Dieses Phänomen zeigt sich auch bei Diagnostikern: Wenn zwei verschiedene Diagnostiker einen Test interpretieren, auch einen Assoziationstest, werden sie dieselben Schwerpunkte setzen, diese aber doch etwas anders gewichten: das hängt mit der Grundkomplexkonstellation des Diagnostikers zusammen, mit den Komplexen, die ihn prägen und von früh an geprägt haben; es hängt aber auch mit der aktuellen Komplexkonstellation zusammen. So ist es durchaus möglich, dass jemand mit einem an sich positiven Mutterkomplex in einer Phase lebt, in der das negativ Mütterliche, das ja auch zum Archetyp gehört, gelebt werden muss, also konstelliert ist und so in seine Beurteilung miteinfließt. Da nie oder ganz selten einzelne Komplexe konstelliert sind, da die Komplexe ineinander übergreifen, ist es oft nicht ganz einfach, zu wissen, was denn alles in einem bestimmten Zeitpunkt bei einem Menschen konstelliert ist. Ein Assoziationsexperiment kann da Klärung bringen.
{28} Komplexe sind also gleichzeitig Ordnungsprinzipien wie Störenfriede; sie sind aber immer "Brennpunkte psychischen Lebens" (Jung). Brennpunkte psychischen Lebens sind sie natürlich auch als die Störenfriede, als die sie auftreten können, ebenso wie sie es als Anordner unserer Interessen, unseres Erfassens von Wirklichkeit sind; Brennpunkte sind sie aber auch in dem Sinn, dass mit jedem Komplex Emotion verbunden ist, und wo Emotion ist, da ist Möglichkeit zur Veränderung. Die Emotion ist in sich schon eine Kraft, die vorwärts treibt, oder uns in einem gespannten Nicht-mehr-reagieren-Können hält. Beim Komplex geht es immer darum, dass einerseits etwas fixiert ist, dass aber gerade an dieser Stelle etwas in unserem psychischen System zum Umbruch drängt. Der Komplex ist der Ort, wo Gebundenheit in Freiheit umschlagen kann. Entscheidend dabei ist die Haltung des Bewusstseins, nämlich ob es den Komplex abwehrt oder versucht, dieses Komplexgeschehen zu sehen, zu akzeptieren, es in seinen Äußerungen zu erfassen.
{29} Träger der Weiterentwicklung ist die Emotion der Komplexe, die immer auch Energie ist. Die Emotion hat immer ein Thema; sie äußert sich in Fantasietätigkeit: Der Komplex fantasiert sich gleichsam aus. So wird sichtbar, in welche Richtung der Komplex das Bewusstsein erweitern möchte. In der Fantasie, in jeder Art von Fantasieprodukten und in Träumen begegnen wir dem schöpferischen Aspekt dieser Komplexe. Wenn Komplexe wirklich zu den Umschlagspunkten werden sollen, wo Gebundenheit zu Freiheit wird, wo ein Komplex vom Störenfried zum Träger der Weiterentwicklung eines Menschen oder auch einer Idee werden soll, müssen diese Fantasietätigkeiten und die Äußerungen des Komplexes in den Träumen sehr ernst genommen werden.
{30} "Complexus" heißt: Umfassung, Umschließung, Umschlingung. Es legt den Gedanken nahe, dass die Komplexe uns in gewissen Situationen umschlingen, dass wir uns aus einer zu starken Umschließung von ihnen befreien müssen. Komplexe werden erst dann zu Größen, mit denen wir uns intensiv auseinander setzen müssen, wenn sie sich konstelliert haben. Das Wort Konstellation gebrauchen wir etwa für das Zusammentreffen verschiedenster Umstände, für gewisse Gruppierungen, z. B. für die Stellung der Gestirne zueinander; nun können auch die Komplexbereiche so zueinander in Stellung geraten, dass der ganze Komplex wirksam wird. C. G. Jung spricht davon, dass der Komplex sozusagen eine "abwartende Stellung" bezogen hat: Er wartet auf das auslösende Wort, die auslösende Geste, das auslösende Ereignis und dann "läuft das Komplexgeschehen ab" - wie ein Programm. Ein Beispiel: Jemand hat eine latente Wut. Eine Katze läuft ihm vor dem Auto durch, die ganze Wut wird sich auf die Katze entladen. Es gibt auch weniger harmlose Beispiele. Wir sprechen weiter von Komplexbereichen, wie es sich von der "Konstellation" her ja schon aufdrängt: In den Komplexbereichen gibt es Kernzonen und Randzonen, Felder des besonderen Verhaltens, des Ausnahmeverhaltens. An diese Felder kann man "herankommen", man kann sich "herantasten", so wie man sich an ein schlafendes Tier herantastet. Das muss man wohl auch, will man nicht Gefahr laufen, in einen Komplex hineinzufallen, ja, geradezu von ihm überwältigt zu werden. Es scheint dem "großen" Komplex eine brutale Gewalt innezuwohnen. Wenn man in einen Komplex hineinfällt, ist man explosiv, unangepasst, macht Totstellreflexe, funktioniert automatisch meistens automatisch falsch . .. das Programm läuft eben ab. Diese Felder scheinen Minenfelder zu sein. Die Frage ist, wie man mit diesen Feldern zurecht kommt, ob man sie in das bewusste Persönlichkeitsfeld integrieren kann, oder ob sie das bewusste Feld desintegrieren können. Diese Felder zeigen sich unter anderem im Assoziationstest; sie stören, deshalb sprechen wir auch von Störungszeichen, wertfreier von Komplexmerkmalen. Das Wort Störungszeichen kann stören, irgendwie vermutet man dahinter den Anspruch, es sollte nichts gestört sein, wo wir doch gerade aus dem Assoziationstest wissen, dass Störungen wichtig sind, Umschlagpunkte, ohne die überhaupt keine Entwicklung stattfinden würde.
{31} Zusammenfassend kann gesagt werden: Als Komplex bezeichnet man Inhalte des Unbewussten, die durch die gleiche Emotion und durch einen Bedeutungskern (Archetyp) verbunden sind und die, in gewissen Grenzen, stellvertretend füreinander stehen können. Jedes affektgeladene Ereignis wird zu einem Komplex. Es sind nicht nur die großen traumatischen Ereignisse, die Komplexe hervorbringen, es sind auch die immer wieder kehrenden "kleinen" Begebenheiten, die uns verletzen. Werden diese Inhalte des Unbewussten auf der Ebene der Emotion (gleiche oder ähnliche Emotion der Grunderfahrungen) oder auf der Bedeutungsebene angesprochen, dann wird das Gesamte dieser unbewussten Verknüpfungen aktiviert (konstelliert) samt der dazugehörenden ganzen Emotion und den daraus resultierenden unangepassten Verhaltensweisen. Dieser Vorgang läuft, solange der Komplex unbewusst ist, autonom ab. Je größer die Emotion und das Assoziationsfeld sind, um so stärker ist der Komplex, umso mehr werden andere natürliche Kräfte an den Rand gedrängt oder verdrängt werden. Die Stärke des Komplexes kann mit dem Assoziationsexperiment herausgefunden werden, selbstverständlich nur in Relation zu all den Komplexen, die ein Mensch im Experiment zeigt. Wenn die konstellierten Komplexe nicht bewusst gemacht werden, werden sie meistens projiziert. Gelingt es dem Ich, mit dem Komplexinhalt Kontakt aufzunehmen, die Projektion zu sehen, die Emotion, die Bilder, die aufsteigen, zu erleben und zu gestalten, kann die Energie, die im Komplex gebunden ist, zu einer Energie werden, die den ganzen Menschen belebt und ihn auf seinem Weg vorwärts bringt. Aber auch der "Außenaspekt" der Komplexe ist zu beachten: Gelingt es dem Ich, diese stereotypen Verhaltensmechanismen zu durchbrechen, dann wird zusätzlich auch ein Stück Freiheit gewonnen. Dies wirkt sich sofort auf die Bilder oder auf die Fantasien aus, sowie sich das Gestalten der Bilder oder der Fantasien auf die Verhaltensmechanismen auswirkt. Es ist auch möglich, über den Körper an die Komplexe heranzukommen: Komplexe pflegen Spannungen zu erzeugen; ist jemand körperbewusst, so kann er über Verspannungen am Körper feststellen, ob ein Komplex gerade konstelliert ist.
{32} Komplexe scheinen auch die Tendenz zu haben, sich ähnlichen Komplexen eines anderen Menschen "anzuschließen". Komplexe verbinden sich in größeren Gruppen miteinander. Wir stecken uns nicht nur durch Viren an, sondern ebenso mit Komplexen. Die Emotion, die dadurch entsteht, ist sehr groß: Sie kann dazu führen, dass eine angesteckte Gruppe kreativer wird, aber auch dazu, dass sie destruktiver wird oder ein Problem zu zwanghaft, zu einseitig sieht.
{33} Eugen Bleuler sagte vom Assoziationsexperiment (Anm. 9): "So spiegelt sich in der Assoziationstätigkeit das ganze psychische Sein der Vergangenheit und der Gegenwart mit allen seinen Erfahrungen und Strebungen. Sie wird dadurch zu einem Index für alle psychischen Vorgänge, die wir nur zu entziffern brauchen, um den ganzen Menschen zu kennen."
{34} Das Problem liegt natürlich beim Entziffern. Dass man aber auch nach einem gut ausgewerteten Assoziationstest den "ganzen Menschen" kennt, scheint mir doch etwas zu weit gegriffen zu sein. Jedenfalls trat der Assoziationstest mit sehr viel Erwartungen bedacht seinen Weg in die Diagnostik an.
{35} Siebzig Jahre später kann so viel  gesagt werden, dass man durch die Anwendung eines Assoziationstests in die Lage versetzt wird, die aktuellen Probleme eines Menschen, den Zusammenhang dieser Probleme untereinander, auch zum Teil die Geschichte dieser Probleme zu sehen. Man sieht weiter die Verhaltensmechanismen, die sich aus diesen Problemen ergeben, oft auch die sich schon anbahnenden Entwicklungen. Außerdem sind bei jedem Assoziationstest komplexfreie Gebiete zu sehen. Auf Grund dieser Sicht ist es möglich, den Test sowohl in Beratung als auch in der Therapie mit Gewinn anzuwenden.

 

  << Zurück       Inhalt       Weiter >>