Prof. Dr. Verena Kast  

Das Assoziationsexperiment in der therapeutischen Praxis

Autorin                           << Zurück       Inhalt       Weiter >>      www.opus-magnum.de

1. EINLEITUNG

{1}  Als ich als junge Studentin das Assoziationsexperiment in der Rolle der Versuchsperson zum ersten Mal erlebte, fühlte ich mich zunächst ertappt, und das bewirkte sowohl Heiterkeit als auch Nachdenklichkeit. Ich bemerkte erstaunt, wie dieser lapidare Test, bei dem man einfach auf ein Wort hin ein anderes Wort assoziieren musste, etwas, was ich andernorts auch schon als Spiel gemacht hatte, mir sehr klar zum Bewusstsein brachte, wo statt klarer Assoziationen plötzlich Emotionen aufstiegen, oder sich einfach gähnende Leere breit machte. Für mich war an diesem Test faszinierend, dass ich auch als Versuchsperson merkte, wo die Problemkreise lagen, und dass ich vor allem bei Wörtern, bei denen ich nicht assoziieren konnte, selber sehen konnte, welche Komplexbereiche angesprochen waren und wie diese miteinander zusammenhingen, im Unterschied etwa zum Rorschachtest, wo nur der gut Ausgebildete sieht, welche Probleme sich zeigen. Damit wurde klar, dass der Assoziationstest ein Test ist, mit dem man in einer therapeutischen Situation sehr gut arbeiten kann, und bei dem der Proband nicht einfach das Gefühl hat, nur von hoher Warte aus "diagnostiziert" zu werden. In meiner Begeisterung für den Assoziationstest begann ich dann, mit all meinen Studienkollegen Assoziationstests aufzunehmen, auszuwerten und immer wieder erlebte ich dabei, dass sehr gute Gespräche über Probleme, über die man sonst vielleicht nicht gesprochen hätte, zu Stande kamen.
{2}  Dr. Franz Riklin jun., der damalige Dozent für das Assoziationsexperiment am JungInstitut in Zürich, unterstützte mich in meiner Begeisterung, wies mich auf Feinheiten in der Auswertung hin und hörte meinen Veränderungsvorschlägen, die damals vor allem in die Richtung einer vermehrten Kontextaufnahme gingen, wohl wollend und interessiert zu. Wir diskutierten oft leidenschaftlich miteinander über Assoziationsexperimente von Probanden, von deren Ergebnis zusammen mit Ergebnissen von anderen Verfahren - etwa abhing, ob jemand für voll zurechnungsfähig erklärt werden konnte oder nicht. Ich habe bei diesen Diskussionen sehr viel gelernt. Es ist mir dabei auch bewusst geworden, dass, wenn man über die Komplexe anderer Menschen spricht, die eigenen Emotionen und Komplexe auch wirksam sind.
{3}  Dies zeigte sich auch, als ich begann, Vorlesungen über den Assoziationstest zu halten; die Probleme, die bei einem Probanden angesprochen sind, gehen oft - wenn auch vielleicht in einer ändern Konstellation und in einer ändern Intensität viele unter uns an. Ein Student formulierte einmal, bei der Vorlesung über den Assoziationstest würde man eigentlich über das Leben reden, und man sei ständig angeregt, sich zu fragen, wie denn nun diese Problemkreise bei einem selbst aussähen.
{4}  Ziel dieses Buches ist es, zu zeigen, wie dieser Test heute, mehr als siebzig Jahre nach dem Erscheinen der diagnostischen Assoziationsstudien, angewendet und ausgewertet wird.
{5}  An praktischen Beispielen möchte ich das ganze Signier und Auswertungsverfahren zeigen, sowie eine Alternative zur Kontextaufnahme, das Verhältnis von Assoziationsexperiment und Traum, die Möglichkeit, das Assoziationsexperiment zu wiederholen, und das Assoziationsexperiment als "Partnerexperiment". Die Wortlisten, die Bemerkungen dazu, sowie die Assoziationsnormen habe ich an den Schluss des Buches gesetzt.
{6}  C. G. Jung benützte die Bezeichnung Assoziationsexperiment. Das Assoziationsexperiment ist selbstverständlich ein Testverfahren, und deshalb hat es sich eingebürgert, auch vom Assoziationstest zu sprechen. Ich werde in diesem Buch beide Ausdrücke verwenden.
{7}  Die Diagnostik spielt in der Jung'schen Psychologie keine große Rolle. Sie soll sich aus der Anamnese und aus der Interpretation der unbewussten Produkte, der Träume, der Bilder, der Imaginationen usw. im Verlaufe der Therapie ergeben, soll sozusagen mit jeder Stunde sich neu zeigen und verfeinert werden; jede Therapiestunde ist in diesem Sinne eben auch Diagnostik. Ich halte diesen Standpunkt für sehr richtig und unserer Anschauung vom "schöpferischen Unbewussten", das immer wieder neue Aspekte der Persönlichkeit zeigt, durchaus angemessen. Diese Anschauung schließt aber nicht aus, dass wir etwa zu Beginn einer Therapie, oder immer dann, wenn Bedürfnis nach Überblick entsteht, mit dem Assoziationstest versuchen, eine Statusdiagnose zu bekommen, die im Zusammenhang gesehen wird mit Anamnese, Träumen usw.
{8}  Eine solche "Statusdiagnose" mit dem Assoziationstest zeigt, welche Probleme im Zeitpunkt der Testaufnahme im Vordergrund stehen und wie sie miteinander verknüpft sind. Es geht nicht etwa darum, irgendwelche Persönlichkeitsmerkmale "festzulegen", sondern es zeichnet sich die Situation des Probanden, und zwar sehr oft sowohl seine bewusste Situation als auch seine unbewusste Situation durch den Test und durch das Gespräch darüber ab. Natürlich soll diese Diagnose in keinem Falle die "ersten" Komplexe festschreiben, damit der Proband nicht durch sie sozusagen gestempelt wird. Deshalb ist eine Prozessdiagnostik, die innerhalb des therapeutischen Prozesses sichtbar wird, und die naturgemäß sich immer wieder verändert, als eine außerordentlich wesentliche Ergänzung zur Statusdiagnose zu sehen. Aber auch innerhalb dieser Prozesse scheint mir von Zeit zu Zeit eine Statusdiagnostik hilfreich: Das Bedürfnis nach Klären einer Situation von den verschiedensten Standpunkten aus ist innerhalb der therapeutischen Situation groß, und einen dieser Standpunkte kann das Assoziationsexperiment gut einnehmen.
{9}  Ich habe vielen Menschen zu danken, die geholfen haben, dass dieses Buch entstehen konnte: Einmal möchte ich all meinen Freunden und Studenten danken, die mit ihrem unermüdlichen Interesse auch immer wieder mein Interesse am Assoziationstest stimuliert haben. Ich danke allen, die mir erlaubt haben, ihre Assoziationsexperimente zu publizieren, und die mir bei der Manuskriptbesprechung noch einige Hinweise gegeben haben. Selbstverständlich habe ich die Namen etc. der Probanden verändert. Ganz besonders danken möchte ich Frau Ursula Dohrn, die mir sowohl 100 Tests mit 100 Wörtern als auch 100 50-Wort-Tests auf die sprachlichen Assoziationen hin ausgezählt hat. Ich möchte mich auch bei all jenen bedanken, die die Assoziationsprotokolle für diese Auszählung zur Verfügung gestellt haben.
Verena Kast, St. Gallen, Juni 1979

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